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Yoga in der Sterbebegleitung

Die Samkhya-Philosophie hilft uns nicht nur die Entstehung der Welt zu verstehen, den Schöpfungsprozess aus dem geistigen Funken bis zur Materialisierung, sondern sie lässt uns auch die Auflösung – das Sterben – begreifen. Mit Informationen, Erfahrungen und Gedanken möchte ich Yoga-Übende anregen, sich dem Thema zu nähern, Wissen zu sammeln und einen Austausch in Gang bringen.

Das alte Wissen aus dem tibetischen Totenbuch beschreibt uns noch konkreter als in Yoga-Texten, wie sich während des Sterbens die Qualität des Elements Erde in das Wasserelement hinein auflöst, das Wasser in des Feuerelement eingeht und so immer weiter, bis auch die subtilen feinstofflichen Formen des Äther-/Raumelements sich in die geistige Welt hinein auflösen. Der Prozess der Auflösung der Elemente verläuft nicht gradlinig, sondern hin und her pendelnd; es gibt ein Aufwallen konkreter körperlicher Leiden und Bedürfnisse im Wechsel mit einem Öffnen in die körperlose Welt. Es erscheint mir wie die Bewegung der Leminiskate, der liegenden Acht, die ja auch als Unendlichkeitszeichen bezeichnet wird und eben auf der einen und auf der anderen Seite eine Schleife hat, die unterschiedlich ausgeprägt und unregelmäßig sein mögen, aber immer dieser Bewegung folgen.


Philosophisches Hintergrundwissen aus dem Yoga


Ähnlich wie der Buddhismus, hat die Yoga-Philosophie den Hintergrund des zyklischen Denkens von Leben, Sterben und Wiedergeburt. So beschreibt die Baghavadgita in Kapitel 2 über die Samkhya-Philosohpie diesen Prozess u.a. mit den Worten: „Wie ein Mann abgetragene Kleider ablegt und später neue anzieht, so lässt auch der Besitzer des Körpers verbrauchte Körper zurück und tritt in andere, neue ein.“ Der Text empfiehlt nicht zu trauern um „jene, die aufgehört haben zu atmen“ und gibt (Kapitel 8) Anweisungen auch für den Sterbenden selbst, sich durch das Rezitieren der unzerstörbaren Silbe OM mit dem unvergänglichen, wahren Wesenskern zu verbinden. Ziel ist, aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt hinauszutreten und in das transzendente Selbst (purusha) einzugehen.


Insbesondere der tibetische Buddhismus hat genaue Praktiken entwickelt, wie Meditierende Sterbenden und Verstorbenen helfen können, loszulassen bzw. eine gute Wiedergeburt zu erlangen. Ich habe den Eindruck, dass ein solches Denken und Herangehen auch die trauernden Angehörigen oder Freunde erleichtern kann und mögliche Verwicklungen in Bitterkeit oder Schuldgefühle auflösen kann.


Die Bhagavadgita schneidet im Zusammenhang mit Sterben noch ein anderes brisantes Thema an: Unmittelbar, nachdem sie feststellte, dass „der Träger des Körpers“ ja sowieso nicht zerstört werden kann, und es deswegen keinen Grund zum Klagen gibt, empfiehlt sie dem zaudernden Krieger: „Du solltest nicht zittern, denn es gibt nichts besseres für einen Krieger als eine gerechte Schlacht“ (Kap. 2, Vers 30 und 31) Hier steht etwas über Sterbeprozesse mitten im Leben, innerhalb der eigenen Persönlichkeit; gemeint ist das, was wir heute „Tod im Leben“ nennen, das aktive Überwinden eigener festsitzender Schatten und Schwächen wie Hass, Gier oder Angst; Yoga empfiehlt uns, diese eigenen inneren Feinde zu transformieren, sterben zu lassen, damit neue Eigenschaften heranreifen können.


Letztlich ist es dasselbe wie der große Übergang Tod - dieser ist eine besonders große Chance, Altes, Enges, Beschränktes, Verhaftetes loszulassen, abzuschneiden, zu verwandeln.


Einige Erfahrungen mit Yoga in der Sterbebegleitung:


Wenn man sich dem Thema der Sterbebegleitung nähern möchte, ist es hilfreich, sich auf die Qualifikation einer Yogalehrerin zu besinnen, offen für verschiedene spirituelle Traditionen zu sein, ein Wissen davon zu haben und zu spüren, was die Menschen brauchen und nehmen können. So können Formen aus dem Christentum, aus dem Buddhismus oder noch offenere Ausdrucksformen da sein. Als Beispiel dafür sehe ich die freie, der Situation angepasste „Übersetzung“ des Mantras „gate gate, paragate, para samgate bodisvaha“:

Wir gehen, immer weiter, gehen zusammen immer weiter; wir gehen, immer weiter, immer weiter ins Licht.


Sterbende reagieren sensibel und echt wie unverstellte Kinder; sie haben keine Masken mehr, keine verschwendete Energie, die sie abhält, ihre wahren Bedürfnisse zu zeigen.


So wie jeder Mensch anders und einzigartig zur Welt kommt, sein Leben gestaltet, ist auch jeder Sterbeprozess anders und voller Wunder. Unbekanntes Terrain kommt auf uns zu, ungeahnte Ängste fordern den Sterbenden heraus und neue Einsichten fallen ihm zu.


Seine Regungen, Wörter und Gesten sind nicht auf Anhieb mit unserem Alltagsbewusstsein zu verstehen – so wie eine junge Mutter übt und lernt, mit ihrem neugeborenen Säugling zu kommunizieren, ihm seine Ausdrucksformen spiegelt und dadurch Bestätigung und Stärkung schenkt, so brauchen auch Sterbende einfühlsame Begleitung. Sie bekommen Erleichterung in ihrem schweren Kampf, wenn wir ihre Stimmungen aufnehmen, sie ermuntern ihre Empfindungen auszusprechen oder sie einfach durch wache, geduldige Präsenz stützen.


Ich habe den Eindruck, dass Sterbende in ihrer geringen Möglichkeit sich auszudrücken oder selbst zu helfen, auf universelle Gesten zurückgreifen, die an Yoga-Mudras erinnern: der ausgestreckte Zeigerfinger erinnert mich an das Brahma-Mudra. Die geballten Fäuste sind wie ein Mudra, sich selbst Mut zu machen.


Während einer solchen Begleitung schulen wir unsere Wahrnehmung und unser mitfühlendes Verständnis, lernen zu unterscheiden, auf welcher Ebene sich die betroffene Person gerade befindet, ob ein körperliches Bedürfnis im Vordergrund steht oder eine innere Auseinandersetzung mit einem bisher unausgesprochenen Thema, ob der Mensch jetzt Nähe braucht oder sich von uns abwenden möchte.


Mit unserer Stimme oder auch leichten Berührungen können wir der/dem Sterbenden helfen zu entspannen, ihm/ihr etwas von dem Schrecken des Todeskampfes zu nehmen. YogalehrerInnen haben einiges an Handwerkszeug und Fähigkeiten zudem Techniken, die in Kursen oft vorkommen und an einem Tag, wo das körperliche Leiden im Vordergrund steht, passen: Bauchstreichen, Rückenstreichen, Füße und/oder Beine massieren, alles wohltuend bei Schmerzen oder Problemen, die entstehen, wenn die Körperfunktionen beginnen zu versagen, zum Beispiel Verdauungsproblemen .


Auch ungewöhnliche kleine Rituale können der besonderen Situation angemessen sein; so habe ich aus einem Krankensalbungsritual von Ursula Lyon (s. Lit.liste) übernommen, sensible Stellen des Gesichts und das Brustbein in einer bestimmten Reihenfolge leicht zu berühren; ich konnte es als Beruhigung erleben, es tat der Sterbenden und auch mir als Helferin gut, musste nicht verstandesmäßig erfassbar oder begründet sein, und half, sich innig und vertrauensvoll dem Wandlungsprozess zu öffnen.


Der Hörsinn ist unser feinster Sinn, er nimmt als erster Sinn Einfluss auf das Kind im Mutterleib und er verlässt den Menschen als letzter Sinn.

Ich habe gute Erfahrungen mit Mantren bei der Sterbebegleitung gemacht. Sie können wörtlich oder frei übersetzt werden, wie kleine schön gesprochene Gebete. Die Mantren können auch gesungen werden. Singen bedeutet gegenüber dem Sprechen, dass noch mehr Schwingung, feine Energie im Raum sein kann. Da der oder die Sterbende sich ja zunehmend aus den groben Schichten löst, ihre Existenz mehr und mehr von den gröberen zu den feineren Hüllen geht, ist die Unterstützung und Stärkung feinerer Energien hilfreich.


Zum Beispiel habe ich das bekannte Mantra aus den Veden gesungen „Om Asato Ma sat gamaya…“ das für gewöhnlich übersetzt wird: „Führe mich vom Schein zur Wirklichkeit, von der Dunkelheit zum Licht, vom Tod zur Unsterblichkeit.“ Oder auch das Gaiatri Mantra, das die Weisheit und Kraft des Lichts besingt; beide beschäftigen sich mit dem Wesen des Übergangs in die nächste Phase unserer Existenz.


Ich habe erlebt, wie eine einfache Frau aus Nordhessen ihrem Enkelsohn ein buddhistisches Mantra mehrfach nachgesprochen hat; offensichtlich ist trotz der fremden Sprache die Essenz, die Botschaft bei der halbwachen Sterbenden auf offene Ohren gestoßen und wurde von ihrem inneren Wesen angenommen – so wie eine menschliche Hand, die zum ersten Mal eine andere Hand festhält, diese Bewegung begreifend versteht.


Wenn wir mit der Praxis der Metta (Maitri)-Meditation vertraut sind, haben wir eine schöne Möglichkeit, schlafenden Menschen Energie zu senden: etwas entfernter sitzend, zunächst mich selbst mit guten Qualitäten wie Mitgefühl beschenken, dann dem Patienten Zuwendung geben, ihr Herzchakra in den Fokus nehmend, ihnen Mitgefühl, Gleichmut oder Liebe senden, sie darin einhüllen. In der helfenden Rolle empfange ich einatmend von oben, lasse Energie durch Wirbelsäule und Becken fließen, ausatmend sende ich von meinem Herz zu ihrem weiter.


Es ist unabdingbar, zu erspüren, was, wie und wie viel ich wirklich geben kann, welche Pausen, Bewegungen, Gespräche ich selbst brauche, um wieder für den sterbenden Menschen da zu sein; nur so kann ich ihm oder ihr die Unterstützung und Begleitung in dieser existenziellen und schweren Phase geben, die er oder sie benötigt.


Je näher mir der oder die Sterbende steht, desto eher werden ihre Erschöpfung, ihr Hilflosigkeit, ihre Schmerzen oder ihre Unzufriedenheit auf mich überschwappen oder eigene Schwächen, ungestillte Bedürfnisse und unerledigte Konflikte aufwühlen. Sich selbst einschätzen zu können, die eigenen Grenzen zu achten, ist eine Grundqualifikation jeglicher helfenden, sozialen oder beratenden Arbeit, sich als HelferIn – weit mehr als als LehrerIn - immer wieder selbst Hilfen zu suchen ist eine Basismaxime.

Angehörige, Pflegepersonal und Institutionen sind häufig durch ihre alltägliche Pflicht beengt, Gespräche mit MitarbeiterInnen der Hospizdienste können hier Druck nehmen und den eigenen Blickwinkel wieder weiten.


Sich Informationen verschaffen, bei allen emotionalen Prozessen auch wieder den Kopf frei zu machen für medizinische, formale und rechtliche Fragen ist wichtig – sei es durch Fragen an Fachleute oder durch Lesen und Nutzen bereits aufgeschriebener Erfahrungen.


Das intensive Miterleben des Sterbens kann auch reich machen: Beziehungen in Familien oder unter FreundInnen können auf diesem gemeinsamen Erfahrungsfeld gestärkt werden, neues Vertrauen in das Leben und in das Miteinander auch in Krisen kann wachsen.


Die eigene Yogapraxis gerade in belastenden Zeiten ernst zu nehmen, hält uns in der Achtsamkeit und Präsenz für uns selbst als Vorrausetzung für ein Geben Können.


Yogalehrende und Übende bringen also einiges mit, das auch im Umgang oder in der Arbeit mit Sterbenden helfen kann. Innerhalb der Yogaszene gibt es wenige Fortbildungsangebote zu diesem Thema. Von Seiten der Hospizbewegung gibt es Schulungen für ehrenamtliche HelferInnen, die sie mit dem notwendigen medizinischen, rechtlichen und psychologischen Wissen vertraut machen.

Hier sind überwiegend Frauen aktiv, und die Bewegung ist offen für alternative Heilweisen und Methoden.

Ich denke, dass praktische Yoga-Elemente und vor allem der yogagemäß weltanschaulich offene spirituelle Hintergrund im Arbeitsfeld Sterbegleitung auf großen Bedarf stoßen.


Ich bitte LeserInnen, die Yogaelemente im Umgang mit Sterbenden nutzen konnten, mir ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Ich möchte diese Erfahrungen gerne sammeln.


Martha M. Fritsch

Mail: fritsch@mandala-wetzlar.de oder mit der Post an:
Mandala, Institut für Yoga und Gesundheit, Hausertorstr. 46, 35578 Wetzlar



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