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WEITERE ANGEBOTE

 Yoga bewegt Frauen


Yoga ist Frauensache – das zumindest sagen die Zahlen von Übenden, Kursteilnehmerinnen, Lehrenden und inzwischen auch Autorinnen. Drückt diese Quantität im Vergleich zu den Männern auch qualitativ etwas aus? Was? Mehr Interesse am Körper? An Spiritualität? Mehr Bedarf an Entspannung?
Die Autorin Astrid Wehmeyer schreibt in ihrem Artikel über Frauenbildung, dass „…dass es immer noch im Wesentlichen Frauen sind, die Weiterbildungsveranstaltungen füllen. Aber eben “mit anderem Fokus”: Sprachkurse und Wellnessangebote wie Yoga oder Callanetics toppen die Hitlisten örtlicher VHS-Angebote, nur knapp gefolgt von Kreativ- und Kochkursen. Also alles beim Alten, Frauen in den drei K´s – Kochen, Krabbeln, Kleben – und Männer in den “wichtigen” weil berufs- und gesellschaftsbezogenen Kursen? (… ) Ganz offensichtlich interessieren sich Frauen heute für Angebote, die sie selbst und den Menschen als Ganzheit in den Mittelpunkt stellen. Sie interessieren sich für ihren Körper und dessen Wohlbefinden. Sie suchen Anregung bei der Bewältigung von Erziehungs- und Partnerschaftsfragen. Sie möchten die Welt sehen und sie mit anderen Augen wahrnehmen. Die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und eine reife spirituelle Suche liegen ihnen am Herzen. Sie nehmen die Dinge sehr persönlich und gehen sie auch so an. Und – sie möchten ihre Gestaltungskräfte anders einbringen als “nur” in berufsbezogenen Leistungssystemen.  (s. bzw.weiterdenken, 26.2.2007)


Drei Pubertäten

Für Frauen ist der Ausgangspunkt Körper für ihre Bildung und Entwicklung sehr naheliegend, wir sind mit den Veränderungen und wechselnden Befindlichkeiten des menschlichen Körpers besonders konfrontiert, nicht nur das natürliche Heranreifen und Älterwerden begegnet uns, das genussvolle oder leidvolle Erleben des eigenen Körpers, sondern auch die Auf und Abs des monatlichen Zyklus, die Freuden oder Belastungen von Schwangerschaft, Geburt, Stillen und Verhüten und die möglichen überraschenden oder originellen Beschwerden, wenn die Eierstöcke nahezu plötzlich ihre Tätigkeit einstellen. Mir erscheint die Schwangerschaft zuweilen wie eine zweite Pubertät – alles ist neu und anders – die Wechseljahre wie eine dritte Pubertät voller ungeahnter Möglichkeiten!
Viele Frauen haben in unsrer Kultur heute kostbare Möglichkeiten, etwas für sich zu tun, haben Zeit und Geld über die alltäglichen Pflichten hinaus ihren Interessen nachzugehen – wie schön, dass die Vielfalt, die Schönheit und Ganzheitlichkeit von Yoga so viele Frauen fasziniert!
Das in den letzten Jahrzehnten starke Interesse von Frauen an Yoga drückt auch Suche nach neuen Werten aus, zeigt eine Abwendung vom mechanistischen Weltbild. Es erscheint mir wie eine Parallele  zu der  Zeit im indischen Mittelalter, als sich der Tantrismus und danach das Hatha-Yoga entwickelten, wo es nicht selten Königstöchter waren, die die vorgegebenen Lebensbahnen verließen, neue Wege gingen und körperbezogene Meditationen schufen. (s. Miranda Shaw)

Beziehen sich Frauen auf Frauen?

Beim Yoga verbringen nun Frauen viel Zeit miteinander – wobei nicht immer klar ist, ob sie dies bewusst tun, und welchem Wert sie dem geben.  Als kurios erlebe ich es besonders, wenn in den speziellen Kursen für Schwangere eine Frau anfänglich Sätze formuliert wie: „Wieviele Leute haben sich denn angemeldet…?“  Deutlich zeigt sich daran, wie ungewohnt Frauenbezüge für viele sind,  vielleicht haben sie sich seit den Mädchencliquen in der Pubertät  nicht mehr in weiblichen Gruppen befunden. Jetzt können sie ganz neu lernen, ihre besonderen weiblichen Themen wichtig zu nehmen, ihnen einen eigenen Raum zu geben, in dem sie von anderen Frauen lernen und sich miteinander entwickeln können.

 Die Yogalehrerin – eine weibliche Autorität

Yogalehrerin ist ein Frauenberuf geworden. Oft ist die Yogalehrerin eine Bezugsperson, der sich erwachsene Menschen über Jahre hinweg anvertrauen. Sie hat etwas von einer Servicekraft, einer mütterlichen Zuhörerin, spirituellen Lehrerin sowie Gesundheitsberaterin, und sie kann  Vorbild sein in der Persönlichkeitsentwicklung und Lebensführung. Es interessiert die KursteilnehmerInnen, wie wir sprechen, wohin wir in die Ferien fahren, ob wir Familie haben, wie wir gekleidet sind und ob wir uns die Harre färben oder nicht…
Hier kann uns als Yogalehrerinnen über das praktische und ethische Yogawissen hinaus die Sichtweise der italienischen Feministinnen wertvolle Anstöße geben; ihre Denkmodelle können dazu beitragen, uns selbst und unsre Arbeit mit den Frauen mehr wertzuschätzen und zu entfalten.


Wachsen am  Mehr anderer Frauen

Die italienischen Feministinnen aus Mailand um die Philosophien Luisa Muraro haben, bezugnehmend auf die Französin Luce Irigaray, die Theorie der Differenz entwickelt. Dies geht tiefer als die politischen Debatten und Entwicklungen zum Thema Gleichberechtigung. Es geht darum, den Mensch in seiner Zweiheit, entweder Frau oder Mann zu sein, zu achten. Frauen erleben anders als es noch immer den in den Köpfen seit einigen Jahrtausenden vorherrschenden gesellschaftlichen Bildern entspricht.  Die Italienerinnen haben deshalb Gedanken und Begriffe kultiviert, die es Frauen ermöglicht sich (wieder) auf weibliche Vorbilder hin zu entwickeln.
Dazu gehört – jenseits von Emotionen – eine Einstellung der Dankbarkeit der eigenen Mutter gegenüber; dazu gehört die Wiedereinführung weiblicher Genealogien, also sich bewusst in die geistige oder materielle Erbfolge und Tradition von Frauen zu stellen.
Ganz praktisch heißt das, dass eine einzelne Frau einer anderen in einer Frage eine Autorität zusprechen kann, sich ihr fragend anvertraut, von ihr lernt, ihren Rat annimmt. So vertraue ich in der Frage der Haarfarbe meiner Friseurin – nicht ohne erst die richtige ausgesucht und geprüft zu haben und immer wieder erneut zu prüfen. Ich kann sie wertschätzen in dieser Angelegenheit, ohne sie zu lieben, ohne sie zu einer Autorität in anderen Lebensfragen wie Beziehungen, Gesundheit oder Politik zu überhöhen.
Im Sinne der Differenz und des Affidamento, des Sich Anvertrauens ist es wichtig, unsre eigenen Lehrer und Lehrerinnen zu prüfen; uns selbst auf dem Platz einer Autorität sollten wir in unseren  Qualitäten als punktuelles Vorbild  realistisch einschätzen; unsren Schülerinnen können wir getrost auch ihre Autorität zusprechen – vor allem, wenn es um die Kenntnis ihres eigenen Körpers oder ihrer Krankheiten geht.


Den Frauenkörper laut, leise oder gar nicht benennen?

Wollen Frauen, dass besondere Themen oder Frauenkrankheiten benannt oder sogar Yogakurse für besondere Frauen-Zielgruppen angeboten werden?
Yoga ist ein Weg der Gesundheitsvorsorge und der Persönlichkeitsentwicklung, Yoga ist keine Therapie. Problem- oder Symptomorientierung stört den freien Weg der Übenden. Aber es sollte keine Tabus geben – und das geht in nichtgemischten Gruppen doch leichter als in gemischten. Es tut einfach gut, ist persönlicher und stärkt das Selbstwertgefühl der Frauen, wenn die Yogalehrerin nicht nur scheinbar geschlechtsneutral auf den unteren Bauch oder die Beckenorgane hinweist, sondern auch mal die Gebärmutter als Sitz eines vitalen Energiezentrums benennt; wenn nicht nur die Brustmuskeln erwähnt werden, sondern auch die förderliche Wirkung vieler Übungen auf das Gewebe in den Brüsten thematisiert wird.
Wir fördern die Bewusstheit der Frauen auch, indem wir der Unterschiedlichkeit von Frauen untereinander Raum geben; so sind zum Beispiel in einer Gruppe von Schwangeren die Interessen der Frauen recht nahe beinander – und doch ist es so wichtig für das Selbstvertrauen einer jeden einzelnen, zu verinnerlichen, dass es keine richtigen oder falschen Schwangerschaften, Beschwerden, Geburten gibt, sondern sie ihren eigenen Weg findet. In einer Yogafrauengruppe wird es von manchen als bereichernd empfunden, zum Beispiel Schwangere in der Gruppe zu haben, für andere ist es ein schmerzhaftes Thema. Frauen mit Brustkrebserkrankungen brauchen Einfühlung und Enttabuisierung, aber auch, wie bei allen TeilnehmerInnen mit Krankheiten oder bestimmten Symptomen, dass wir ihnen ihre Privatsphäre, Eigenart oder Schweigsamkeit lassen.
 Lasst uns in den Yoga-Frauengruppen jedes Symptom als  Zeichen und Lernchance auf dem – stückweise gemeinsamen - Weg  würdigen, seien es Stimmungsschwankungen, Essstörungen, Unruhe oder Schwäche der Beckenbodenmuskeln. Lasst uns eine Atmosphäre der Leichtigkeit, Lebensfreude und gegenseitigen Wertschätzung schaffen!
In meiner vor einigen Jahren durchgeführten Umfrage unter (meinen) weiblichen Yogaautoritäten gab es eine einzige, die mitteilte, dass sie Yoga von ihrer Mutter lernte – lasst uns die Vision verwirklichen, dass schon zukünftige Töchter, Söhne und Enkelkinder Yoga mit der Sprache und Körperpflege von ihren eigenen Müttern lernen.

Kommentierte Literaturhinweise:

Markert, Drothee: Wachsen am Mehr anderer Frauen, Chrstel-Göttert-Verlag, Rüsselsheim, 2002
Gut verständliche Aufsatzsammlung, die die philosophischen Ansätze der italienischen Philosophinnengruppe Diotima anwendet. Enthält den Aufsatz von Luisa Muraro, wo es um Dankbarkeit gegenüber der eigenen Mutter geht.
Fritsch, Martha: Weibliche Autorität im Yoga, Arbeit im Rahmen der Ausbildung zur Yogalehrerin, Wetzlar, 2000, zu beziehen über www.mandala-wetzlar.de
Anwendung der Sichtweise der italienischen Philosophinnen auf die Suche nach weiblichen Vorbildern im Bereich Yoga. Umfrage unter bekannten Yogalehrerinnen.
Beziehungsweise Weiterdenken, Internetzeitschrift: www.bzw-weiterdenken.de
Texte verschiedener Autorinnen
Shaw, Miranda: Erleuchtung durch Ektase, Frauen im tantrischen Buddhismus, Küger-Verlag, Frankfurt 1997
                Detailreiche Erforschung und Beschreibung spiritueller Lehrerinnen in Indien

 
Martha Fritsch - Persönliche Stationen auf dem (Yoga-)Weg als Frau
Ich habe mich oft gefragt, was treibt meinen Weg der Entwicklung an? Hier einige – typische oder auch originelle – Stationen; vielleicht erkennen sich einige Leserinnen wieder, oder fragen sich selbst, wie sich Yoga und Frauenbefreiung in ihrem Leben verzahnen, welches ihre die tiefsten und wegweisendsten Bedürfnisse sind.
1969, 16 Jahre: in der katholischen Kirche, ich darf die Lesung vorlesen, der Apostel Paulus ist dran. Ich schaue schon mal in den Text und beschließe, den Satz „Das Weib sei dem Manne untertan.“ auszulassen. Der Kaplan würdigt mich in seiner Predigt… Eine erfrischende erste Erfahrung von Eigenmacht…
1979, 26 Jahre: in der ersten Schwangerschaft entdecke ich in einem Buch einige Yogaübungen, die ich praktiziere. Mein Körper interessiert mich neu und intensiver. Als junge Mutter besuche ich meinen ersten Yogakurs, angezogen und fasziniert von der Möglichkeit, effektvoll gleichzeitig für den Körper und den Geist etwas zu tun.
1998, 45 Jahre: ich bin seit einigen Jahren freiberufliche Yogalehrerin, mein vertrautes Frauenteam im gemeinsamen Institut genügt mir nicht, ich suche mehr Unterstützung, Vernetzung; daher besuche ich Frauenbildungsseminare in der Volkshochschule und lerne die Denkmodelle der italienischen Femistinnen kennen.



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